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Knabenlese im Osmanischen Reich – die Elitetruppe der Janitscharen

devsirme-osmanli-knabenlese-osmanisches-reich-2Devşirme bedeutet wortwörtlich übersetzt so viel wie „versammeln, einsammeln“. Im Osmanischen Reich wurden unter Teilen der christlichen Bevölkerung etwa 200 Jahre lang die „besten“ Jungen für die Elite in der Armee und Verwaltung rekrutiert, islamisiert und „‚osmanisiert“.

Hauptsächlich waren Teile des Balkans davon betroffen, später auch Teile Anatoliens. Es gab auch Berichte von muslimischen Nachbarn, die ihre Jugendlichen „Knaben“ bei christlichen Nachbarn unterbrachten, wenn die Rekrutierer in den Ort kamen, damit diese jungen Männer diese Chance des Aufstieg bis in höchste Staatsämter erhalten konnten. Die daraus ausgebildeten Wesire und Elitekämpfer der Janitscharen (يڭيچرى/ Yeñiçeri) wurden sehr berühmt und legendär.

Wie alt waren die jungen Männer beim Einzug zum Militärdienst?

Laut früheren osmanischen Quellen (aus den Jahren 1601, 1621, 1622 und 1666) lag das Rekrutierungsalter bei 7 bis 12 Jahren. Von einigen bekannten Personen ist ihr Rekrutierungsalter bekannt – wie z.B. von dem Architekten (Mimar) Sinan, dem berühmtestem Architekten der islamischen Welt, der nach seinem 8. Lebensjahr eingezogen wurde.“

Waren sie absolut heimatlos und entwurzelt?

„Es wird gerne die Loyalität zum Sultan damit begründet, dass sie erstens eine „Gehirnwäsche“ als „Kinder“ erhielten, zweitens ihren Familien entrissen wurden und keinerlei Kontakte mehr pflegten und damit ihren Sultan als „Ersatzvater“ betrachteten.

Das stimmt so nicht. Es sind viele Quellen vorhanden, die dem widersprechen. Denn besonders, wenn die Janitscharen oder Beamten Karriere machten (und dadurch erst historische Dokumente überliefert sind), sorgten sich etliche um ihre Familien und ihr Herkunftsort. Besonders bekannt sind Mimar Sinan und Sokollu Meḥmed Paşa – sie kümmerten sich um Ihre Verwandten, z.B. durch ihre finanzielle Zuwendungen, soziale Bauten im Herkunftsort (Stiftungen, Brunnen, Mühlen), das Ausspielen von politischen Verbindungen zur Förderung der beruflichen Werdegänge der Familienmitglieder, das Nachholen der Familie nach Istanbul, usw.

Verlauf der Knabenlese – die Devşirme:

„Es wurde nicht nur auf dem Balkan die „Knabenlese“ durchgeführt, sondern später auch in Anatolien. Sie verlief normalerweise auch nicht unorganisiert und gewaltsam „nachts“ mit eingetretenen Türen oder brennenden Häusern. Ein Janitscharen-Offizier, begleitet von einem Hof-Beamten, hatte ein Schreiben eines Janitscharen-Aghas (Ağa) dabei, der ihn für die Knabenlese autorisierte.

Dazu hatte er einen Vorrat an Uniformen dabei. Wenn er in ein Dorf kam, versammelte der Dorf-Rufer die jungen Knaben zusammen. Bei der Knabenlese wurden Städte eher nicht bevorzugt. Begleitet wurden die Jungen von ihren Vätern und den Priestern mit den Taufregistern, um das Alter zu belegen. Unter der Aufsicht des zuständigen Richters (Qaḍî/ tr. Kadı) und des Sipahis (Timar-(„Lehnsgut“)-Besitzers/“Ritter“), oder ihrer Stellvertreter, begann nun der Janitscharen-Offizier die Besten im qualifiziertem Alter auswählen.

Dazu wurden für jede Gruppe von 100-150 Rekruten zwei Register erstellt, welche ihre Namen, ihre Eltern, ihr Alter und ihre Beschreibung enthielten. Ein Register behielt der Rekrutierungs-Janitschare, ein Exemplar wurde mit dem Begleiter der Rekruten mit nach Istanbul mitgegeben. Dort wurden sie dann nochmals untersucht, einmal nach ihrer Physis, wobei die damalige Wissenschaft der Physiognomie angewandt wurde. Und danach auch ihre Psyche bzw. ihre moralischen Qualitäten. Die Besten kamen meistens schon gleich in den Palast, oder zu hohen Würdenträgern in die Ausbildung. Die Restlichen wurden in die Bauernhöfen zur Ausbildung geschickt.

Die Besten unterzog man einer gründlichen, meist mehr als 14 Jahre dauernden körperlichen und geistigen Ausbildung. Die Palastschulen waren komplett von der Außenwelt isoliert. Neben Türkisch, Persisch und Arabisch wurden auch Kalligraphie, Literatur, Theologie und Recht vermittelt. Auch die körperliche Ertüchtigung stand auf dem Lehrplan wie z.B. Bogenschießen, Reiten usw.

Wer wurde ausgewählt?

Die Knaben durften nicht einziger Sohn sein, kein Türke, kein Muslim und keine Waise und mussten einen ordentlichen Leumund besitzen. Juden, Muslime und Zigeuner waren von der Devşirme ausgenommen. Die Devşirme („Knabenlese“) betraf auch nicht alle christlichen Gebiete gleichermaßen. Menschen in Städten und Handwerker blieben normalerweise unberücksichtigt, obwohl es Ausnahmen gab.

Christliche Gebiete, die sich freiwillig während den Eroberungskriegen den Osmanen unterwarfen, wurden von der Rekrutierung ausgenommen (auch hier gab es Ausnahmen). Aus der Wallachei und Moldawien kamen normalerweise auch nie Rekruten. Armenier scheinen von der „Knabenlese“ normalerweise auch befreit gewesen zu sein (außer in der Spätphase im 17. Jh.). Einige christliche Gruppen waren ebenfalls von der Devşirme befreit, genauso auch von Steuern, wie z.B. Bergbauarbeiter, Bewohner der Hauptstraßen, (Gebirgs-)Passwächter, oder Bewohner einiger Stiftungen.

Waren die Janitscharen muslimisch?

Fakt ist, dass die Knaben nach der Auslese streng ismalisch erzogen wurden. Da das Alter der Rekrutierung meistens im (damaligen) Erwachsenenalter (12) lag, wird die starke Bindung zum Islam von einigen angezweifelt.

Jedenfalls wären die Janitscharen und Hof-Beamten nicht die einzigen, die islamisiert wurden, es gab noch andere Bevölkerungsgruppen, wie z.B. nomadisierte Türken, die erst relativ kurz und oberflächlich den İslam annahmen. Erleichtert wurde zudem die Konversion durch den Tatbestand, dass die ‚Osmanen sozusagen eine Form eines Staatsislam entwickelten, die einen der wichtigsten Auslegung des İslam (Der Ahlu us-Sunnah) darstellt (ḥanafîtische Rechtsschule). Also innerhalb des İslams der >ḥanafitischen< Richtung folgten, und dazu noch ein Werk eines Religionsgelehrten innerhalb dieser >ḥanafitischen< Rechtsschule zum Maßstab ihres Handelns machten.“

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